Samstag, 22. Dezember 2012

kriegstanz der sterne



sedna in der inneren oortsche wolke
tanzt in den kältesten tiefen
der uns unbekannten
welt

geminga
vor dreihunderttausend jahren
von einer supernova geboren
schuf die kleine dichte
unsere lokale blase

wir
verblasener kehricht der sterne
tanzen im sonnenwind
der prächtigen heliosphäre
ahnungslos winzige wanzen
mit zwanzigtausend metern
sonnenapex pro sekunde

wir durchmessen
schwatzend und unbemerkt
die unfassbare leere
der lokalen flocke
in den krustenfalten
eines wasserbröckchens
blinde passagiere
für einen augenblick

alpha centauri und deneb
altair und wega und arktur
proxima cenautri und auch du
fomalhaut

tanzt für uns
denn wir können
nichts wissen

nichts sehen
als euch

für einen
blitzhaft ewigen
moment


Mittwoch, 19. Dezember 2012

WELTLAUF DER MAYA*

(21. Dezember 2012)


Die Brote liegen stumm in dem Regal,
auf flachen Schirmen flimmert unsre Zeit.
Geldkurse steigen auf und werden breit
Und für die Künste - liest man - steigt der Preis.

Der Strom ist grün, die Winterwinde zupfen
am Glockenspiel, um hochbegabte Kinder zu entzücken.
Die Menschen haben heuer keinen Schnupfen.
Die Züge gleiten lautlos über Brücken.









* Maya: In der hinduistischen Philosphie stellt Maya die Illusion des begrenzten, verblendeten Ich dar, das die Realität als nur psychisch und mental versteht und das wahre Selbst, die Natur der Dinge nicht erkennt.


Samstag, 15. Dezember 2012

GERHARD SCHÖNBERNER GESTORBEN

DICHTER UND PUBLIZIST GERHARD SCHÖNBERNER GESTORBEN. Wie mir sein Hamburger Verlag mitteilte, ist Gerhard Schoenberner, dessen Gedichtband "FAZIT" ich am 3. Oktober noch in einer Matinee im Berliner Literaturhaus präsentiert hatte, überraschend am vergangenen Montag (10.12. 2012)  im Alter von 81 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Ich bin bestürzt und traurig, denn der blitzgescheite freundliche Mann mit dem wachen Geist erschien bei der Lesung voller geradezu jugendlichem Elan und Witz. Für das kommende Jahr war eine weitere Zusammenarbeit angedacht. 

 

Die Beerdigung findet am 20. Dezember im engsten Kreise statt. Es gibt aber am 10. Januar 2013 eine öffentliche Gedenkfeier in Berlin, in der Todesanzeige der Süddeutschen Zeitung stehen die genauen Angaben dazu.
 

Schoenberner war einer der ersten, der - Ende der Fünfziger Jahre schon - die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands kritisch reflektierte. Zu seinen wichtigsten Werken gehört das 1960 veröffentlichte Buch "Der gelbe Stern". Darin arbeitete Schoenberner als einer der ersten die europäische Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg historisch auf. Für die ARD produzierte er 1969 die zwölfteilige Reihe "Film im Dritten Reich". Später war er u.a. als Berater des Berliner Projektes "Topographie des Terrors" sowie als Gründungdirektor des "Hauses der Wannseekonferenz" tätig. Sein Gedichtband "FAZIT" gilt mit seiner Brechtschen Knappheit und klarer Sprache als das lyrische Vermächtnis eines engagierten und lebensbejahenden Humanisten. (Ausführlicheres dazu HIER.)





Mittwoch, 5. Dezember 2012

Berlin: Der Unmut der Gefangenen

Die Knast-Journalisten der außergewöhnlichen Gefangenenzeitschrift "Lichtblick" der Berliner JVA Tegel (Deutschlands größtem Männerknast), die ich durch unser Projekt Literatur hinter Gittern seit Jahren kenne, haben heute per Email einen ungewöhnlichen Brandbrief als offenen Brief an den Berliner Justizsenator Heilmann verbreitet, denn ich hiermit unkommentiert der geneigten Internet-Öffentlichkeit weiterleiten möchte... Dieser Text stammt also nicht von mir und gibt auch nicht unbedingt meine eigene Meinung zu den besprochenen Problemen wieder. Ich selbst bin von dem polemischen Ton des Textes eher irritiert und kann das Gesagte nicht wirklich beurteilen. Dennoch sei der Text hiermit im Sinne der Unterstützung der ansonsten eher Stimmlosen und zur Beförderung einer hoffentlich konstruktiven Diskussion der offenbar akuten Probleme im vollen Wortlaut zitiert:  

>>

Hungerstreik und Revolte in Berliner Gefängnissen!?

Mitteilung und gleichzeitig Offener Brief an Justizsenator Heilmann der Gesamtinsassenvertretung der JVA Tegel, der Gesamtverwahrtenvertretung und der Redaktionsgemeinschaft „der lichtblick“, Deutschlands auflagenstärkster und einzig unzensierter Gefangenenzeitung aus der JVA Berlin-Tegel, besonders an Journalistenkollegen – bitte berichten Sie darüber …
In Berliner Gefängnissen rumort es mächtig: gesetzeswidrige Lockerungsverweigerung, gesetzeswidrige Nicht-Entlassung, gesetzeswidrige Unterbringung, gesetzeswidrige Nicht-Behandlung. Gefangene und Sicherungsverwahrte, die unter diesen Verhältnissen in Berliner Gefängnissen eingepfercht sind, beschweren sich – ganz zu Recht: der Berliner Justizsenat praktiziert einen Vollzug, der Gesetze missachtet, vorsätzlich die Sicherheit der Bevölkerung gefährdet und weder wissensbasiert, noch human, noch sozialstaatlich mit seinen Gefangenen umgeht. Und die Folgen werden sich nicht nur auf Klagewellen, Hungerstreiks und Gefängnisrevolten beschränken, sondern verfehlte Strafvollzugspolitik schadet jedem Berliner Bürger!
Fernab von populistischer Berichterstattung über den zum 5-Sterne-Hotel hochstilisierten Gefängnisneubau (JVA Heidering) praktiziert der Berliner Justizsenat einen Strafvollzug, der bewährte und gesetzlich geforderte Maßnahmen der Straftäterbehandlung nicht bzw. nur eingeschränkt anwendet.
Gefangene, Rechtsanwälte, Organisationen der Straffälligenhilfe, Beiräte und Wissenschaftler rügen den Berliner Strafvollzug:
-          Lockerungen werden allenfalls wie Goldstaub gewährt: die Lockerungsquote ist im Geschlossenen Vollzug in Berlin im Jahr 2012 massiv reduziert worden. Gründe hierfür sind nicht erkennbar – im Gegenteil: Lockerungen sind bewährtes Behandlungsinstrument, gesetzlich verankert und erhöhen erwiesenermaßen nachhaltig die Sicherheit der Bevölkerung!
-          Vorzeitige Entlassungen zum sogenannten 2/3-Zeitpunkt, die das Strafgesetzbuch als wichtiges Instrument benennt, werden in Berlin außerordentlich selten gewährt. U.a. bedeutet dies unnötige Kosten für den Steuerzahler – diese Gefangenen sind bereits wieder temporär frei, ein langer Verbleib im Offenen Vollzug über den 2/3-Zeitpunkt hinaus ist – sofern keine besonderen Gründe im Einzelfall vorliegen – nicht angezeigt.
-          Berlin hat unlängst die Doppelbelegung wieder eingeführt, mehrere Gefangene werden in einer Zelle eingepfercht. Gerichte haben dies immer wieder gerügt – trotzdem kehrt der Berliner Justizsenat zu dieser Praxis zurück.
-          Ersatzfreiheitsstrafer werden im Geschlossenen Vollzug untergebracht: Bürger, die eine Geldstrafe absitzen, werden neuerdings vermehrt im Hochsicherheits-Knast eingekerkert – dies führt nicht nur zu angespannter Belegungssituation, sondern ist Ausdruck besonderer Gnadenlosigkeit und Härte.
-          Im Gefängnis sollen Menschen mit Fehlern und Schwächen so behandelt werden, dass sie nach Verbüßung ihrer Strafe und Entlassung ein normales Leben ohne Straftaten führen (können). Nicht nur das Gesetz schreibt es dem Vollzug ins Aufgabenheft, sondern auch gesunder Menschenverstand legt es nahe und die Bevölkerung fordert es zu Recht: Straftaten müssen verhindert werden – hierzu braucht es jedoch die sogenannte Behandlung. Der Berliner Justizsenat jedoch beschäftigt für diese Aufgabe aktuell nur noch eine einzige Person für ca. 50-60 Gefangene.
Es ist bald ein Jahrzehnt her, dass in einem deutschen Gefängnis revoltiert wurde – im damals CDU-regierten Hamburg praktizierten Innensenator Schill und Justizsenator Kusch einen gesetzeswidrigen, hirnverbrannten, widerlichen StrafvollzugKusch und Schill sind in der Gosse gelandet, der Strafvollzug musste in Hamburg mühsam wieder so aufgebaut werden, dass er das Gesetz einhält, Sinn macht und Einzelne und Bevölkerung nicht beschädigt.
Sehr geehrter Herr Senator Heilmann – die Gefangenen bitten darum,
-          die gesetzlich nicht gestattete Doppelbelegung unverzüglich zu beenden,
-          Ersatzfreiheitsstrafer nicht im Hochsicherheitsknast unterzubringen, sondern zu entlassen,
-          Sozialarbeiter für die Ihnen zur Behandlung anvertrauten Gefangenen in ausreichender Zahl zu beschäftigen,
-          Lockerungen gesetzestreu zu gewähren,
-          mit vorzeitigen Entlassungen den Steuerzahler zu entlasten,
-          Vollzugskonzepte anzuwenden, die der Erreichung des Vollzugszieles dienlich sind
Kurzum: Senator Heilmann – lassen Sie den Berliner Strafvollzug nicht in der Gosse landen!
Und wieso:
-          beginnen Sie jetzt  in der JVA Moabit Baumaßnahmen, die zu gesetzeswidriger Doppelbelegung führen?;
-          wollen Sie Umbauten für die Sicherungsverwahrten vornehmen, die diese selbst nicht wollen, viel Geld kosten und zu Beeinträchtigungen für alle Gefangenen in der JVA Tegel führen?;
-          beschäftigen Sie Sozialarbeiter nicht weiter, sondern setzen diese vor die Türe?;
-          wollen Sie für Unruhe sorgende, unsinnige Verlegungsorgien veranstalten?;
-          schließen Sie jetzt das Gefängnis in der Lehrter Straße und bringen deshalb bspw. Ersatzfreiheitstrafer teuer und grauslich im Hochsicherheitsknast unter?
Die Berliner Gefangenen kündigen Hungerstreik und Revolte an! Wenden Sie diese selbstverschuldete Katastrophe ab, halten Sie sich an das Gesetz und schädigen Sie die Bevölkerung nicht!
Die Redaktionsgemeinschaft „der lichtblick“, die Gesamtinsassenvertretung der JVA Tegel, die Gesamtverwahrtenvertretung
Gefangenenzeitung
der lichtblick
Seidelstraße 39
D-13507 Berlin
fon +49 (30) 90 147 2329
fax +49 (30) 90 147 2329
mail:gefangenenzeitung-lichtblick@jva-tegel.de
internet: www.lichtblick-zeitung.de

„der lichtblick“ gewährt Blicke über hohe Mauern und durch verriegelte Türen. Er versteht sich als Sprachrohr der Gefangenen: Er macht auf Missstände aufmerksam und kämpft für einen humanen, sozialstaatlichen und wissensbasierten Strafvollzug. Oft nimmt er eine vermittelnde Position zwischen dem Resozialisierungsanspruch der Gefangenen und dem Schutzbedürfnis der Bevölkerung ein; dass das Eine das Andere befördert und verstärkt, kann gar nicht oft und deutlich genug betont werden. Neben kriminal- und strafvollzugspolitischem Engagement initiiert „der lichtblick“ „Berührungen“ zwischen drinnen und draußen und fungiert als Kontaktstelle. Nicht zuletzt ist „der lichtblick“ die Lieblingszeitung vieler Insassen – und wird auch von Justiz, Politik und Wissenschaft gelesen.
Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit – gerne mit Spenden, aber auch ideeller Zuspruch ist uns sehr willkommen: schreiben Sie uns eine E-Mail, erhalten Sie regelmäßig das Neueste von drinnen und gestalten Sie unsere Gesellschaft – deren Umgang mit Delinquenz – mit!
Gefangenenzeitung
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internet: www.lichtblick-zeitung.de


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Update vom 6. Dezember ...
>> Aktualisierung der gestrigen Mitteilung der Gesamtinsassenvertretung der JVA Tegel, der Gesamtverwahrtenvertretung und der Redaktionsgemeinschaft „der lichtblick“
Nunmehr können wir heute erfreulicherweise vermelden, dass die „Doppelbelegung“ (mehrere Insassen auf einer Zelle) in der Teilanstalt VI der JVA Tegel beendet ist.
Des Weiteren werden Sozialarbeiter wohl zumindest vorübergehend nicht entlassen.
Zudem erklären wir: unsere Mitteilung sollte nicht skandalisierend wirken und beinhaltete selbstverständlich keinen Aufruf zu einem Hungerstreik oder gar zur Revolte. Im Gegenteil: als Sprachrohr der Gefangenen und als Ventil haben wir mit unserer Mitteilung Missstände benannt, damit gegengesteuert werden kann und es eben nicht zum Äußersten kommt.

Der Eklat jedoch wird von unseren Mitgefangenen nach wie vor deutlich benannt: Sie sagen uns, dass sie, finden die angekündigten Verlegungen statt, sie passiven Widerstand leisten werden (wörtlich: „Dann werden sie uns aus unseren Zellen tragen müssen und wir werden das Essen verweigern!“)
   Zudem informieren sie uns darüber, dass sie, sollte Berlin sich vom Strafvollzugsgesetz (u.a. bzgl. Lockerungen, 2/3-Entlassung, Behandlung) weiter abwenden und entfernen, dagegen mit allen Mitteln kämpfen werden.


Die Redaktionsgemeinschaft „der lichtblick“, die Gesamtinsassenvertretung der JVA Tegel, die Gesamtverwahrtenvertretung
Gefangenenzeitung
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D-13507 Berlin
 
fon +49 (30) 90 147 2329
fax +49 (30) 90 147 2329
mail:gefangenenzeitung-lichtblick@jva-tegel.de
internet: www.lichtblick-zeitung.de

„der lichtblick“ gewährt Blicke über hohe Mauern und durch verriegelte Türen. Er versteht sich als Sprachrohr der Gefangenen: Er macht auf Missstände aufmerksam und kämpft für einen humanen, sozialstaatlichen und wissensbasierten Strafvollzug. Oft nimmt er eine vermittelnde Position zwischen dem Resozialisierungsanspruch der Gefangenen und dem Schutzbedürfnis der Bevölkerung ein; dass das Eine das Andere befördert und verstärkt, kann gar nicht oft und deutlich genug betont werden. Neben kriminal- und strafvollzugspolitischem Engagement initiiert „der lichtblick“ „Berührungen“ zwischen drinnen und draußen und fungiert als Kontaktstelle. Nicht zuletzt ist „der lichtblick“ die Lieblingszeitung vieler Insassen – und wird auch von Justiz, Politik und Wissenschaft gelesen.
Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit – gerne mit Spenden, aber auch ideeller Zuspruch ist uns sehr willkommen: schreiben Sie uns eine E-Mail, erhalten Sie regelmäßig das Neueste von drinnen und gestalten Sie unsere Gesellschaft – deren Umgang mit Delinquenz – mit!
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Freitag, 23. November 2012

TRANSPAPA

Gestern hatte ein großartiger Film über eine Dreizehnjährige, die ihren inzwischen als Frau lebenden Vater kennen lernt, im Berlin Premiere, der mich dreifach staunen lässt - sowohl die junge Hauptdarstellerin Luisa Sappelt als auch die lebenskluge Berliner Regisseurin Sarah Judith Mettkes beeindrucken mit absolut überzeugender, berührender Arbeit. Und Meister-Schauspieler Devid Striesow spielt sich mit dieser Trans-Gender-Rolle endgültig in den Olymp europäischer Schaupielkunst. Prädikat: Unbedingt ansehen!

>> Transpapa <<
ARD: Debüt im Dritten
SWR
Fernsehen BW
Mittwoch, 05.12.12 | 22:00

>> TRAILER

 (Foto: BesserAls Echt, Quelle: filmportal.de)

Montag, 19. November 2012

Chile Blog (6 - Finale)


Santiago – Samstag/Sonntag, 17./18. November



Der Abschied kommt standesgemäß: Abends machen wir uns ausgehfein und holen Ingrid in ihrer kleinen Wohnung um die Ecke ab. Dort entdecke ich, dank eines Posters in ihrem Arbeitszimmer, dass sie der „hochschwangere“ Star eines offenbar recht grausamen chilenischen Horrorstreifens namens „BabyShower“ war… (Der es auch in Deutschland zu einigem Ruhm geschafft haben soll… aber definitiv kein Film für werdende Väter & Co, warnt sie mich.) Im wirklichen Leben ist an Ingrid nichts Gruseliges, sie beherrscht vielmehr die Kunst, mit kleinen Dingen äußerst effektiv eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. 
  Eine Freundin von ihr kommt mit dem Taxi: Alicia (Rodriguez), auch eine Schauspielerin, die uns fröhlich begrüßt als würden wir uns schon ewig kennen. Gemeinsam fahren wir weiter ins Haus von Felipe (dessen Frau eine erfolgreiche Filmproduzentin ist) der heute Geburtstag feiert und mit der ganzen Clique auch mich eingeladen hat. Tatsächlich treffe auch ich Bekannte, darunter einen der Künstler aus dem Rapa Nui von gestern Abend und auch den Gitarristen von PANICO, der mir berichtet, dass er jetzt in Paris lebt und mit seiner neuen englischen Freundin gerade einen Sohn bekommen hat. Felipes Wohnung ist in einer Mischung aus gemütlich und modern eingerichtet, definitiv ein Künstlerhaus von nicht gerade armen Leuten. In der Küche bereitet man Melissen-Caipirinhas zu. Und auf dem zur Wand geräumten Esstisch steht ein kaltes Buffet mit Guacamole und vielen kleinen hausgemachten Leckereien chilenischer Art bereit. Der Hausherr steht im Wohnzimmer persönlich an den Turntables und legt fluffigen Alternative-Rock aus  Chile auf. Auf den Tischen stehen Knabbereien aus einer mir unbekannten kleinen Nussart und – gute Idee – nur kurz blanchierter grüner Spargel mit Dipp als Fingerfood zum Naschen bereit … Wer will, bedient sich bei Rotwein, Sekt und Whiskey an der Hausbar. Es stellt sich heraus, dass Ingrids Schaupielerkollegin Alicia erst 20 Jahre alt ist, aber bereits in zwei großen Filmen mitgespielt hat: In ihrem letzten Erfolg, der coming-of-age-Geschichte „Young &Wild“, die wohl auch auf die letzte Berlinale eingeladen war, spielte Ingrid: Ihre Tante … Wir trinken Sekt & Whiskey, besprechen die Bedeutung der Berlinale für die Filmkunst dieser Welt (Fazit: wie die Stadt Berlin selbst - künstlerisch/inhaltlich sehr schön, ökonomisch eher unbedeutend) und vergleichen wieder einmal Berlin und Santiago …

Gegen Mitternacht ist es Zeit für den Abschied von der Künstlerclique mit vielen guten Wünschen, Küssen und Umarmungen. Dann schnappt mich Julio und wir fahren mit dem Taxi in die Innenstadt zu einer noch größeren Party: In der angesagten „Clinic“ findet die interne Eröffnungsparty für das hauptstädtische „Urban Interventions Festival“ statt (an dem sich in der kommenden Woche auch Casa Grande mit einer Überraschungsaktion beteiligen wird, deshalb stehen wir auf der Gästeliste). Auf drei Etagen trudeln allmählich die Verrückten und Künstlertypen Santiagos ein, um auf Kosten des Festivals zu tanzen und zu trinken, was das Zeug hält… Die Partys gehen in Santiago noch später los als in Berlin, meint Julio, meistens wird erst gegen 4 Uhr der Höhepunkt der Stimmung erreicht. Die „Clinic“ ist ein Club, der gerne so cool wie das Tacheles wäre und deswegen allerlei schräge Graffitis an den Wänden des Treppenhauses hat, doch das Mobiliar und die sonstige Einrichtung sind gediegenes altes Europa: Schwere Eiche und Marmorfußböden. Keine unangenehme Mischung, finde ich. Cristobàl und ein paar andere Freunde von casa grande sind auch da; es wird lang und breit über alles und nichts palavert und ich probiere ein erschreckend scharfes Getränk aus einer Sektschale: Pisco sour mit grünem Chili… (diese Spezialität des Hauses ist allerdings eher ein Dessert für Freunde feurigster Saucen als ein Cocktail); Julio gönnt sich am Ende einer langen Woche demonstrativ eine dicke Zigarre.  Der DJ gibt sich große Mühe, der unentschlossenen Feier-Meute mit krasser Musik einzuheizen, doch ehe die Party endlich etwas Fahrt aufnimmt, werde ich endgültig müde - und lasse mir kurzentschlossen von Julio ein Taxi besorgen (gut so, denn der erste „staatliche“ Taxifahrer wollte tatsächlich eine extreme Summe von mir und konnte natürlich „completely no English“) … adios Clinic, adios unermüdliche Künstlerkreise von Santiago! Aber im Bett ist es auch schön.

Am nächsten Morgen hole ich mir warme chilenische Weißbrötchen vom Castano gegenüber und mache mir einen  großen guatemaltekischen Kaffee. Wie versprochen steht Julio tatsächlich pünktlich halb zehn Uhr auf der Matte, obwohl er in der letzten Nacht allerlei Whiskey & Cigars zu sich genommen haben muss und angeblich noch bis nach vier in der „Clinic“ geblieben war. Wir frühstücken, unterbrochen von beiderseitigen Alltagstätigkeiten, gemeinsam stehend in der Küche; ich halb in der andisch brennenden Morgensonne auf dem Balkon, um mich für den Heimweg noch mit südlichem Licht aufzuladen. Dann brausen wir mit dem himmelblauen Suzuki über den Highway zum Flughafen von Santiago und ziehen Fazit…
Für mich ist Chile, oder zumindest Santiago, ein erstaunlich europäischer Ort, der geistig näher am alten Europa denn an Nordamerika zu liegen scheint. Das Künstlernetzwerk hier ist goldwert, denn es ist weniger von Konkurrenz und Gleichgültigkeit geprägt als in Berlin (dafür ist aber auch das kulturelle Angebot kleiner). Mich wundert aber, dass alle, die ich traf, so schlecht über Santiago und so begeistert von Berlin redeten - und argwöhne, dass es nichts als die üblichen Projektionen sind, die das Gras in Nachbars Garten stets grüner erscheinen lassen, als das eigene; denn mir hat es in Santiago ganz gut gefallen. (Julio ist nicht einverstanden mit dieser Einschätzung.) Es ist vielleicht nicht der einzige Ort aller Träume, aber als Exil wäre Santiago zumindest für Ostdeutsche eine perfekte Wahl: Klima und Gesellschaft sind recht ähnlich, aber doch ein wenig angenehmer; eine gute Mischung aus Bekanntem mit ein wenig Exotischem - und Deutsche genießen hier, auch wegen der Einwanderer, einen guten Ruf. Margot jedenfalls hat nicht den schlechtesten Ort für ihre Rente erwählt – auch wenn es Julio letztlich leider nicht geschafft hat, ihren Enkel Roberto zu überzeugen, dass man vor mir keine Angst haben muss… das Treffen muss, wenn überhaupt, irgendwann in Berlin stattfinden. (Es heißt aber, Roberto Yanez bereite derzeit zwei Veröffentlichungen in Deutschland vor.)
  So überfliege ich - nachdem mir Julio das Versprechen abgerungen hat, dass wir aus diesem Kontakt etwas entwickeln und ich baldmöglichst, gern auch mit Frau und Kind, wiederkomme - den Hügel mit Margots kleinem Haus am Fuße der Kordilleren schließlich mit einem dicken Jet der Air Canada in Richtung Buenos Aires.
                                                                                                                                                                  .

    Muchas gracias, Julio, por todo...

Sonntag, 18. November 2012

Chile Blog (5 - Paradiestal)


Santiago – Freitag/Samstag, 16./17. November 

Nachdem der Tag mit Aktivitäten am Schreibtisch und auf dem Fahrrad erfüllt war, fuhr ich abends mit Julio durch ein paar Seitenstraßen des Viertels ins „Institut für erweiterte Studien der Universität Santiago de Chile“: Ein verwinkeltes Haus mit freundlichen kleinen Innenhöfen und einem Auditorium. Nach und nach trudeln die Freunde und Mitglieder von Casa Grande ein, Hausherr Felipe begrüßt uns und gegen 19:30 Uhr startet meine Lesung vor etwa 30 Zuhörern. Es scheint in Chile eine genaue Vorstellung vom Amt eines Dichters zu geben, die mir leider nicht ganz klar sind. Die Stimmung wird aber erstaunlich schnell dialogisch und bewegt, denn schon die Erfragung meiner persönlichen Geschichte erzeugt allerlei Erstaunen; offenbar sind die Vorstellungen über das Leben in Ostdeutschland doch erheblich anders, als das, was ich zu berichten habe. Zum Vorlesen haben wir zunächst die sechs Texte, die Natalia González de la Llana schon 2004 ins Spanische übertragen hat, sowie vier neue Übersetzungen von Julio Carrasco. Alles in allem eine wilde, eher un-repräsentative Mischung, von der zwei (von den Übersetzern ausgewählte) Liebesgedichte und natürlich Malaria am besten ankommen (die wir standesgemäß deutsch, spanisch und englisch vortragen), da gibt es dann glänzende Gesichter. Beifall, Gespräche, etliche der Zuhörer sprechen deutsch und fragen nach Büchern und CDs… (Leider macht der Akku der Kamera pünktlich zum Ereignis schlapp, aber Cristobál von casa grande zeichnet alles auf - was mit einem Tablet-Computer ausgeführt übrigens ziemlich albern aussieht.)
     
Anschließend zieht der Tross im längeren Fußmarsch ins Rapa Nui, einer angesagten Eckkneipe dieser Gegend, deren Beliebtheit sich für einen Außenstehenden nicht wirklich erklären lässt, die aber alle Eigenschaften einer guten Santiagoer In-Kneipe aufweist: Es ist rappelvoll (man muss irgendwo auf einem Eckchen stehen, Sitzplätze sind definitiv nicht zu bekommen) und extrem hallig und laut (man redet hier prinzipiell lauter als in Berlin), es gibt aber außer Leuten nichts zu sehen. Beste Voraussetzungen also für einen Nicht-Spanischsprechenden, ein paar Kommunikationsschwierigkeiten zu bekommen. Zum Glück finden sich eine Dichterin und zwei Maler, die bei einer Piscola und Dörrfleischsandwiches auch dicht an dicht stehend und mit ständiger Übersetzung eine lange Diskussion mit mir führen wollen; es geht vor allem um Chile und seine europäischen Einflüsse - die mir zumindest in Santiago stärker zu sein scheinen, als den Chilenen bewusst ist (vor allem findet man hier atmosphärisch das alte Europa wieder, das „Gendarmenmarkt-Europa“ , das in Berlin, bedingt durch die Verheerungen zweier Kriege, kaum noch aufzufinden ist), im Rest des durch die Kultur- und Klimazonen langgestreckten Landes mag das anders sein. Wieder höre ich etliche Familiengeschichten mit deutschen Komponenten; Namen wie Gonzales-Peschel mögen sich für unsere Ohren seltsam anhören, sind in diesem Land aber offenbar sehr gewöhnlich, ja fast Standard. Was nicht heißt, das Leute mit solchen Namen dann auch Deutsch sprechen können (in der Regel eher nicht). 

Am Samstag mache ich mich dann mit der Metro auf zum Busbahnhof; von dort fahren billige und sehr bequeme Überlandbusse – meiner bringt mich an die Pazifikküste: Nach Valparaíso. Der Weg auf dem Highway hinaus aus der Stadt führt in trockenes Bergland; die Sonne strahlt – ein perfekter Tag für einen Ausflug ans Meer. Überall an den Hängen und Straßenrändern blüht der sonnengelbe Andenmohn in allen Schattierungen, dazu die Blütenteppiche wilder Kapuzinerkresse – was für wunderbare Farbteppiche in der an sich staubbraunen Landschaft. Überhaupt: Die Farben der Blüten sind hier generell sehr kräftig und klar, strahlendes Pink, knalliges Gelb, leuchtendes Rot, bei uns sieht das zarter aus. Als meinten die Blumen hier: Wenn schon in dieser kargen Landschaft blühen, dann aber richtig. Vielleicht liegt es ja auch an dem kräftigen Wind, der hier unentwegt zwischen den Bergen weht. Es gibt deswegen auch auffallend wenige Insekten – angenehm für uns, aber vermutlich problematisch für die Pflanzen. Da müssen sie sich etwas einfallen lassen: Hier sind die Farben! Denn eigentlich weht hier immer ein recht kühler Wind (morgens muss man sich für draußen wirklich warm anziehen), aber die Sonne scheint gleichzeitig auch sehr kräftig. Dieser Kontrast zwischen kaltem Gebirgswind und der heißen Sonne der südlichen Subtropen scheint typisch für diese Gegend zu sein. Man kann sich hier also richtig erkälten und gleichzeitig einen Sonnenbrand bekommen.

  Die Bussitze sind so bequem und der Bus tuckert so  sanft auf der sonnenbeschienenen Landstraße Richtung Küste, dass ich unwillkürlich einnicke und als ich wieder aufwache, fahren wir schon in Valparaíso ein. Ringsum sanfte Hügel, die über uns über mit kleinen Häuschen in allen erdenklichen Farben bebaut sind. Unten in der Stadt ein Straßen-Flohmarkt, auf dem gebrauchte Kleidung gehandelt wird. Ich steige ausgeruht aus dem Bus und springe in ein Taxi, das mich bereitwillig hinauf in die Hügel fährt und vor La Sebastiana wieder ausspuckt. Zwar ist der hiesige Direktor der Fondacion Pablo Neruda heute nicht im Haus, da Samstag ist, aber ich bin eingeladen, Nerudas Haus in Valparaíso auf eigene Faust zu erkunden… Der chilenische Weltstar der Poesie wusste, wie man es sich schön macht: Noch mehr als das Haus in Santiago erscheint der winklige, fünfstöckige Bau wie ein Schiff – und diesmal kann man auch tatsächlich aufs Meer blicken. Unter uns erstreckt sich die Bucht von Valparaíso – der Pazifik! (Jetzt bin ich tatsächlich an der westlichsten Kante der eurozentrischen Landkarten angelangt… und winke mir in Gedanken selbst über den Pazifik zu, als ich zwei Jahre zuvor am Ostkap von Biak in Papua den bis dato östlichsten Punkt meiner Reisen erreichte… Fehlt nur noch die weite, heiße Südsee, dann habe ich den Globus peu a peu umrundet. Kein ganz schlechter Gedanke!)
.                                            

Valparaíso ist ein Traum, denn die Hügel hinunter zur weiten Hafenbucht sind mit so bizzar bunten Häuservierteln bedeckt, dass die UNO die Stadt schon vor Jahren zum Weltkulturerbe erklärte. Ich genieße das wunderbare Anwesen mit einem duftenden Berggarten und einer kleinen Poesiebibliothek mit einer einzigartigen Aussicht. In den Bäumen flöten muntere Vögel; immer wieder kann man in Chile selbst im dichtesten Verkehr schöne Vogellieder aus den Bäumen hören, nur gesehen habe ich diese Vögel hier niemals. Im Café nebenan esse ich eine heiße Empanada und trinke Kaffee, dann laufe ich, umweht von allerlei Blumendüften, im Sonnenschein durch die steilen Gassen der kleinen bunten Häuser bis hinunter Richtung Hafen. Es gibt immer neue Panoramablicke von alltagspoetischer Schönheit zu entdecken und ich frage mich, ob man sich glücklicher fühlt als andere, wenn man hier lebt (und denke: ja).  
  Unten an der Küstenstraße dann die Ernüchterung: Statt, wie ich gehofft hatte, ans Meer zu gelangen, um den Pazifik zu begrüßen, sehe ich mich eine rauhen Eisenbahntrasse und einem streng umzäunten Industriehafen gegenüber; es wird also bei den schönen Ausblicken von oben auf das Meer bleiben. Ich streune noch eine Weile durch die samstägliche Altstadt und gelange dann fast von selbst zurück zum Busbahnhof, wo schon ein gemütlicher Überlandbus nach Santiago auf mich wartet, der mich auf der Rückfahrt durch blühende Berghänge im Abendlicht in einen sanften Schlummer wiegt…
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Freitag, 16. November 2012

Chile Blog (4 - Besuch bei Neruda)


Santiago de Chile - Donnerstag, 15. November 

Morgens gehe ich mit Julio aus dem Haus; er zur Arbeit, ich auf Stadtexpedition. Zuerst fahre ich mit der Metro bis ins Herz der Stadt, nach La Moneda. Hier steht der Regierungspalast, der bei Pinochets Staatsstreich gegen Allende 1973 zerstört wurde – und nach dem Ende der Militärdiktatur wieder aufgebaut wurde. Heute gibt es hier ein großes unterirdisches Kulturzentrum mit Museen und Galerien - sowie die größten Erdbeeren der Welt (siehe Foto - die sind fast so groß wie die Avocados, die auch gerade Saison haben) und die süßesten Bonbons von ganz Südamerika.
  Von dort aus laufe ich der Nase nach durch die Stadt und stelle mit Entsetzen fest, dass mein nützlicher innerer Kompass, auf den sonst immer Verlass ist, hier überhaupt nicht funktioniert – beziehungsweise: genau spiegelverkehrt! Will sagen: Wenn ich 1 km nach Norden gehen will, lande ich 1 km im Süden, will ich nach Osten, lande ich im Westen – immer exakt spiegelverkehrt zu meinem eigentlichen Ziel… liegt es daran, dass die strahlende Sonne auf der Südhalbkugel andersrum
steht
? Oder richtet sich mein Orientierungssinn vielleicht instinktiv nach dem Magnetfeld der Erde und das ist hier auf Süd gepolt?? Ich habe keine Ahnung, aber es passiert mir an diesem Tag immer wieder, selbst wenn ich mir vornehme, vorausschauend spiegelverkehrt zu denken… verdammt, das gab‘s noch nie!! Egal, die Stadt ist angenehm und es gibt viel zu sehen, deshalb ist fast gleich, wo ich zwischendurch lande… Am Ende komme ich doch immer dort an, wo ich hin will.

  Mit Hilfe netter Studenten und der Metro finde ich schließlich das Ziel meiner zweiten Etappe: Santa Lucia. Hier gibt es unter anderem einen ruhigen Schnickschnack-Markt der Einheimischen, den ich durchwandere und mir einen Riesenbecher köstlichen Fruchtsaft aus drei frischen Fruchtsorten gönne (deren Namen ich natürlich längst wieder vergessen habe…).  Dann laufe ich hinüber zur Nationalbibliothek und dem schattigen Park voller hoher Palmen und Araukarien. Daneben erhebt sich pittoresk ein dschungelgrüner Hügel mit Treppen und Türmchen – Santa Lucia, das ist auch ein Park mit Felsen, Grasterrassen und riesigen Bäumen, eine duftende Oase in der Stadt. Ich plaudere mit ein paar herumlungernden studentischen Aktivisten, die seit Monaten gegen die teure Bildung protestierten und amüsanter Weise hoffen, dass ich ihr Sponsor werde...

Entlang des hügeligen Parks wandere ich in der Mittaghitze vorbei an den vielen Brunnen und Kirchen druch die Straßen dieser Stadt bis hinüber zum Plaza Italia. Unterwegs überall diese blühenden Bäume, deren glockenblumenzarte Blüten alle Fußwege mit hellvioletten Federchen übersäen, als wären in der ganzen Stadt für ein Brautpaar Blumen gestreut. Am Italienplatz steht der Telefonikaturm stolz und postmodern; der reißende, schlammbraune Río Mapocho strömt mit  irrsinniger Geschwindigkeit unter den Straßenbrücken aus den Kordilleren (die sich in dunstiger Ferne fast unsichtbar aber mächtig über der Stadt erheben) hinunter zum Meer.  Hinter dem tempelhofartigen Gebäude der großen Universität steht auf einem grünen Hügel die Madonna von Santiago und segnet aus der Ferne mit zartweißer Hand das Land.

Am Fuße des grünen Madonnenhügels aber liegt mein eigentliches Ziel für diesen Tag: Die Fundacion Pablo Neruda. In einer stillen grünen Seitengasse hatte sich Neruda in den vierziger/fünfziger Jahren ein kleines verwinkeltes Liebesnest nach Art einer Seemannsbehausung an den Hang bauen lassen, als sei dies der Steilhang einer Küste. (In Wirklichkeit sah man damals, wo heute die Hochhäuser der Innenstadt die Sicht beherrschen, bei gutem Wetter die weitläufigen Bergzüge der Andenkordilleren in voller Breite.) Heute ist das Häuschen, dass sich mit allerlei schattigen Plätzchen, Treppchen und dichtem Baumbestand über drei Ebenen an den Berg schmiegt, ein Museum. Carlos, der Pressechef der Stiftung, begrüßt mich freundlich, er bedauert, dass bei der Kürze meines Aufenthaltes leider keine Lesung mit mir zu organisieren war, aber er wird als Ausgleich arrangieren, dass ich am Samstag auch an der Küste vor Valparaíso im anderen Haus der Stiftung, dem Alterssitz Nerudas, empfangen werde... höflich sind sie zu den Dichtern, die Chilenen.
 
Durch das Haus führt mich dann Alvaro (der natürlich nur zur Aushilfe hier arbeitet und eigentlich auch Dichter ist); leider darf ich im Inneren dieses wunderbaren Häuschens wie alle Besucher keine Bilder machen. Er kennt dafür allerlei Schnurren aus dem wilden Liebes- und Dichterleben Nerudas, er zeigt mir die geheimen Türen, durch die er seine Gäste gern als Pirat verkleidet erschreckt haben soll; er macht mich auf die vielen Kuriositäten aufmerksam, die der weltreisende Neruda zusammengetragen hat, aber er weiß auch, dass dieses Haus nach Nerudas Tod (nur 12 Tage nach Pinochets Staatstreich) bis auf die schweren Tische vom Militär verwüstet und ausgeräumt wurde und alles, was wir jetzt sehen, von Nerudas „Witwe“ Matilde Urratia (in Wirklichkeit hat Neruda nur die erste seiner drei Frauen geheiratet - die Nebengeliebten mal ganz außeracht gelassen - er wurde nie geschieden; diese Sängerin blieb jedoch nach sein Tod hier in Santiago wohnen), die - anders als Neruda, der noch zwei weitere Häuser besaß - in diesem Haus starb, ehe es Stiftung und Museum wurde, im Geiste Nerudas wieder neu eingerichtet wurde.

Im unteren Bereich, dem Steinhaus an der Gasse, gibt es gleich hinter einer effektvollen kleinen Willkommens-Bar das niedrige, tunnelartige Esszimmer und dahinter die Küche. Hier hat der gesellige Neruda ständig Gäste aus aller Welt empfangen. Der ruhelose Poet, der im Laufe seines in jeder Hinsicht bewegten Lebens in zig Ländern gelebt hat, war definitiv ein Seefahrertyp: Überall gibt es Schiffslaternen und Muscheln und hölzerne Einrichtungsgegenstände, selbst die Zimmerformen erscheinen ganz wie auf einem Schiff. Auf der zweiten Ebene, in die man über ein paar Stufen durch den Garten den Hang hinauf erreicht,   findet sich ein Kaminzimmer mit einem herrlichen Rundblick über die Stadt hinüber zu den majestätischen Kordilleren. Überall hängen Gemälde von Malerfreunden wie Diego Riviera bis hin zu einer Caravaggio-Replik eines sich im Kerzenschein räkelnden Kleinkindes (von dem Neruda angeblich behauptete, es zeige ihn als Säugling). Atmosphärisch erscheint mir das verwinkelte Anwesen wie eine Mischung aus Günter Grass‘ holzgeschnitztem Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert in Wewelsfleht – denn überall in Nerudas Haus knarren Dielen, wendeln sich enge hölzerne Treppchen, gibt es geschnitzte Borde und Türrahmen – und dem ostseehellen, pflanzenumwucherten Hanna-Höch-Häuschen in Berlin Heiligensee, mit Zimmerchen, hellen Fenstern und einer natürlich-maritimen Gestaltung, die Innen und Außen gleichermaßen zu einem Gesamtbild verwachsen lässt.


Auf der abgelegenen dritten Ebene des kleinen Anwesens, noch weiter den Hang hinauf, findet sich dann Nerudas schattiges Studio (auch hier, wie schon vorher, ein paar handgeschriebene Gedichtentwürfe im Original, aber unter dem Schreibtischglas), hier sieht man in einer Vitrine Nerudas gesammelte Preise – von Stalins "Lenin-Friedenspreis" bis hin zur Nobelpreismedaille für Literatur (die er im gleichen Jahr wie Willi Brand den Friedensnobelpreis bekam). An den Wänden altertümliche Stiche von Walfängerabenteuern an der Küste von Valparaíso sowie Fotos von Nerudas trauriger Beerdigung kurz nach dem Sturz Allendes. (Alvaro weißt mich auf einige alte Fotos von Idolen und Freunden Nerudas hin, neben Whitman, Majakowski und Rimbaud auch Marcel Marceau, der als persönlicher guter Freund selbst oft in diesem Haus Nerudas zu Gast gewesen sei. Alvaro meint, Marceau, der weltberühmte Pantomime, hätte anlässlich Nerudas Tod zum ersten und einzigen Mal auf der Bühne etwas gesagt.)

  Ich trinke noch einen Kaffee im Schatten der Bäume von Nerudas arkadischem Santaigoer Liebesnest La Chascona und verabschiede mich dann von Alvaro. Unten in der Stadt verlaufe ich mich prompt wieder exakt seitenverkehrt, was ich erst nach zwei, drei Kilometern bemerke, sodass ich ausnahmsweise eines der schwarz-orangefarbenen Asphalt-Gaucho-Taxis zur Hilfe nehmen muss, um am späten Nachmittag für eine dringend nötige Pause in Julios Dichterdomizil in der Providencia zu gelangen … (hrgg!)

Julio kommt ziemlich spät und geschafft  von der Arbeit, aber auch ich bin noch nicht fertig mit allen, was zu tun ist, dabei haben wir heute noch so viel vor: Neben den Übersetzungen, die fertigzustellen sind, sind wir heute noch zum Konzert von PANICO ein geladen - die sind hier in Santiago angeblich ja ein ganz großes Rock-Ding. Und wir kennen die Bassistin-Sängerin... Der Einfachkeit halber machen wir uns per Taxi auf den Weg zum Museum der schönen Künste, einem klassischen Museumsbau mit schmiedeeisernen Gittern und Löwen vor der Tür (nicht tatsächlich, aber es fühlt sich so an...). Unterwegs ruft Julio jemanden an und stell sein Handy auf laut: "Hallo wer ist da?" ruft eine alte Frauenstimme auf Deutsch; Julio antwortet etwas auf Spanisch und dann wird aufgelegt. "Das war sie." meint Julio. "Wer?" frage ich. "Margot." sagt Julio. "wenn alles klappt, sind wir Samstag abend in ihrem Haus." Margot Honecker, die Großmutter von Julios Dichterfreund Roberto Yanez.

  Das Konzert ist eigentlich eine Filmpremiere, der Film, den PANICO in der Atacama-Wüste gedreht haben, läuft schon, als wir kommen; aber da wir nicht offiziell auf der Gästeliste stehen und drinnen alle ihre Handy ausgestellt haben, kommen wir nicht rein.  Julio zeigt mir also erstmal das Viertel und wartet, ob jemand von drinnen zurückruft. Wir finden in einer Szenebar einen lustigen Laden, in dem es Voodopuppen von Pinochet und Chiles amtierenden Präsidenten Sebastián Piñera gibt, aber auch niedliche wollene Kuschelpuppen von Sokrates oder Charles Darwin sowie sogar Fingerpuppen von Tolstoi oder Baudelaire - leider erlesen handgearbeitet und alles viel zu teuer, um es als Spaß mal eben mitzunehmen. Dann  meldet sich Ingrid Isensee, die Filmschauspielerin, auf Julios Handy - sie ist noch gar nicht im Museumstheater, sondern kommt gerade erst von der (Casting-) Arbeit. Wir setzen uns in eine Bar und trinken chilenisches Honigbier bis uns Ingrid (wieder strahlend und  im überzeugenden Stil gekleidet, siehe Foto) abholt, und mit dem Charme ihrer Prominenz durch alle Kontrollen in den überfüllten Saal führt, wo nun bereits das Live-Konzert der Band nach dem Film begonnen hat. Die Musik beginnt psychedelisch (ein Peyote-Trip in den späten Sechzigern, einigten Julio und ich uns, und strichen uns demonstrativ unsere nicht mehr vorhandenen langen Haare hinter die Ohren...). Leider geht das fast eine Stunde so weiter, um dann am Schluss für 3 Minuten in einen großartig trockenen Elektro-Rocksong zu münden. Das war's. Leider. Genug für uns, Mitternacht war vorüber, und alte Knaben wie wir müssen ins Bett weil morgens früh raus.